29 Jun 2016
BIG PICTURE

Autonomes Fahren Teil III – Wie wird die Zukunft für car2go aussehen?

Der Interviewpartner Wolfgang Gruel hat im dritten und letzten Teil unserer Interviewreihe zum autonomen Fahren einige Fragen im Hinblick auf die Entwicklung für car2go beantwortet. Zudem wurde ein interessanter Ausblick für die Zukunft vom autonomen Fahren dargestellt.

In dem ersten und zweiten Teil wurden allgemeinen Fragen und Antworten, sowie Vorteile und die Problemstellung geklärt.

car2go: Welche Chancen wird es für car2go geben? Was könnten Risiken sein?

Wolfgang Gruel: Für car2go gibt sehr interessante Anwendungsfälle. Zunächst rechne ich damit, dass Carsharing deutlich attraktiver wird.

Viele Menschen besitzen ein eigenes Auto, um flexibel zu sein. Dabei nimmt man in Kauf, dass das Auto 95% des Tages ungenutzt ist und nur 5% der Zeit tatsächlich genutzt wird.

Carsharing mit autonomen Fahrzeugen ermöglicht die gleiche Flexibilität und Verlässlichkeit, die man mit dem eigenen Auto hat, aber ohne selbst ein Auto zu besitzen – und das zu einem geringeren Preis.

Eine große Veränderung für den Nutzer ist sicherlich, dass er jetzt abgeholt werden kann, anstatt sich selbst zu einem car2go zu bewegen und dass sich die Parkplatzsuche deutlich verbessert, weil er direkt am Ziel aussteigen kann und das Auto sich dann selbst einen Parkplatz sucht oder direkt zum nächsten Kunden weiterfährt.

Autonomes Fahren macht auch ein besseres Fleetmanagement möglich: Autonome Fahrzeuge können einfach an Orte gebracht werden, an denen eine hohe Nachfrage besteht – die Zuverlässigkeit des Dienstes wird sich also deutlich verbessern.

Mit Kevin Spieser, Samitha Samaranayake und Emilio Frazzoli vom MIT habe ich eine Untersuchung über das Potenzial von autonomem Carsharing bei aktueller Nachfrage gemacht. Die Studie zeigt, dass man die aktuelle Nachfrage theoretisch mit ungefähr einem Drittel bis maximal der Hälfte der aktuell benutzten Autos befriedigen könnte.

Voraussetzung ist, dass die Autos selbstständig an die Orte fahren können, an denen sie benötigt würden. Andere Studien kommen sogar auf noch kleinere Zahlen.

car2go: Gibt es Chancen für teilautonomes Fahren?

Wolfgang Gruel: Klar, wir arbeiten z.B. gerade mit Bosch und der Daimler Forschung an einem Projekt zum automatisierten Parken. Ziel ist es, dass sich car2gos in einem Parkhaus selbstständig parken.

Als Kunde steigt man also am Eingang aus und das Auto parkt automatisch im Parkhaus. Später wird man auch wieder am Eingang abgeholt und kann dann selbst an sein Ziel fahren.

D.h. der Nutzer muss nicht mehr in den fünften Stock fahren und einen Parkplatz, sondern kann das benutzte Auto einfach abstellen und später wieder eines bekommen. Ein anderes Szenario wäre, dass die Autos nachts sehr langsam an einen Ort fahren, an dem morgens hohe Nachfrage sein wird.

car2go: Ich habe gelesen, dass die Elektroautos sich selbständig parken können, sich aufladen und wenn sie voll aufgeladen sind, sich selbständig umparken könnten und die Ladestation für andere Autos freigeben.

Wolfgang Gruel: Ja, man kann sich auch vorstellen, dass die Autos nachts zu dedizierten Hubs oder Tiefgaragen fahren, in denen sie auch gleich gewaschen und gesaugt werden können. Das wäre durchaus möglich.

car2go: Wie entwickelt sich autonomes Fahren weiter? Gibt es dazu Ideen?

Wolfgang Gruel: Zur Weiterentwicklung von autonomem Fahren gibt es unglaublich viele Ideen, die teilweise sehr nach Science Fiction aussehen. Ausgangspunkt von Autonomem Fahren 1.0 ist oft die Überlegung, dass wir für die Dinge, die wir aktuell mit dem eigenen Auto erledigen, autonome Fahrzeuge einsetzen und so das Leben ein bisschen leichter wäre.

Viele Ideen kreisen dann darum, wie der Lebensraum Auto neu genutzt werden kann: Man könnte darin schlafen oder es zum Kino umfunktionieren. Zusätzlich kann man sich überlegen, was mit den Autos passiert, wenn sie gerade nicht gebraucht werden. In dieser Zeit könnten die Autos genutzt werden, um Fracht oder Pakete auszuliefern.

Die Verknüpfung autonomer Fahrzeuge mit anderen Verkehrsmitteln ist eine weitere Einsatzmöglichkeit. Die Grundidee hier ist, immer diejenigen Verkehrsmittel einzusetzen, die für einen Zweck am besten geeignet sind.

S-Bahnen sind etwa sehr gut darin, viele Leute von einem bestimmten Punkt zu einem anderen bestimmten Punkt zu bringen – sie können die Menschen aber schlecht in der Umgebung verteilen. Über dieses Thema habe ich neulich einen Artikel geschrieben. Problematisch bei solchen Umstiegen sind oft die Schnittstellen – es macht z.B. wenig Spaß, im Regen an der Haltestelle auf die Bahn zu warten.

Diese Schnittstellen können auch durch autonome Fahrzeuge verbessert werden. Viel diskutiert wird auch immer wieder die Möglichkeit, dass sich verschiedene autonome Fahrzeuge zu „Platoons“ zusammenschließen und so zu einer Mischung aus öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln werden.

car2go: Was ist das Fazit oder was möchtest du noch loswerden?

Wolfgang Gruel: Mir ist es ein großes Anliegen, dass wir nicht glauben, dass eine neue Technologie alle unsere Verkehrsprobleme löst. Wie jede Technologie ist sie nur ein Werkzeug.

Bevor autonome Fahrzeuge auf dem Markt sind, sollten wir uns gut überlegen, was wir mit diesem Werkzeug erreichen wollen und wie wir die Chancen nutzen können, die sich durch autonomes Fahren ergeben.

Das erfordert eine Diskussion auf breiter Basis zwischen Bürgern, Unternehmen und Städten. Diese Diskussion möchte ich gerne anschieben und konstruktiv gestalten.

Vielen Dank Wolfgang Gruel für das interessante Interview!

Habt ihr Vorstellungen wie die Zukunft der Mobilität aussehen könnte?