22 Jun 2016
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Autonomes Fahren Teil II – Was sind die Vorteile und Problemstellung?

Bald können wir vielleicht alle ohne das Auto selbst zu fahren von A nach B kommen und ein Traum wird wahr. In dem zweiten Teil des Interviews zum Thema „Autonomen Fahren“ beantwortete Wolfgang Gruel die Fragen rund um die Vorteile und der Problemstellung.

Vergangene Woche handelte der erste Teil zu diesem Thema von den Herausforderungen und Möglichkeiten. In dem dritten und letzten Teil dieser Serie werden die Chancen für Carsharing dargestellt.

car2go: Was sind die Vorteile und Nachteile vom autonomen Fahren?

Wolfgang Gruel: Es gibt viele Spekulationen über die Auswirkungen des autonomen Fahrens. Z.B., dass es die Verkehrssicherheit erhöht, den Verkehrsfluss positiv beeinflusst und dass es deswegen weniger Staus gibt.

Sicherlich erhöht es auch den Komfort, denn man kann sich abholen lassen und muss auch nicht zu Fuß vom Parkplatz zum Ziel gehen, weil man vom Fahrzeug ja direkt bis zum Ziel gebracht werden kann. Und man kann im Auto dann auch schlafen oder arbeiten.

Manche Nachteile sind relativ offensichtlich, während andere wahrscheinlich erst sichtbar werden, wenn die autonomen Autos in Betrieb sind. Viele Menschen machen sich beispielsweise Sorgen darüber, dass das Auto gehackt werden könnte.

Auch ethische Fragen sind oft nicht einfach zu klären: Falls ein Unfall unvermeidbar sein sollte, muss das Fahrzeug etwa in Millisekunden zwischen möglichen Alternativen abwägen.

Dabei muss es dann beispielsweise entscheiden, ob es weiter geradeaus fährt und möglicherweise einer Gruppe von Menschen schadet, oder ob es schnell nach links abbiegt und dabei einen unbeteiligten Menschen in Mitleidenschaft zieht.

car2go: Welche Auswirkungen ergeben sich auf längere Sicht?

Wolfgang Gruel: Es wurde noch wenig diskutiert, was passiert, wenn diese Fragen geklärt sind und wir autonome Fahrzeuge „bestimmungsgemäß“ nutzen. Werden wir diese Autos dann zu unserem neuen Lebensraum machen, und anstatt im Büro im Auto arbeiten?

Oder anstatt zuhause zu schlafen im Auto? Oder in München leben und in Stuttgart arbeiten? Wir werden wahrscheinlich die neuen Möglichkeiten nutzen und uns ein neues Verhalten angewöhnen.

Das Verhalten, das für den Einzelnen sinnvoll scheint, kann aber gesellschaftlich durchaus negative Auswirkungen haben. Wir müssen uns also als Gesellschaft fragen, wie wir diese neue Technologie einsetzen wollen – also wie wir in Zukunft leben wollen.

car2go: Gibt es eine Lösung für diese Probleme?

Wolfgang Gruel: Ich glaube es gibt viele Lösungen und man muss sich Gedanken drüber machen, welchen Zweck wir mit der Einführung autonomer Fahrzeuge verfolgen. Halten wir es etwa für wünschenswert, dass Menschen jeden Tag mehrere Stunden zur Arbeit pendeln?

Oder halten wir das für nicht erstrebenswert und wollen solches Verhalten eventuell sanktionieren oder sogar verbieten? Bei der Diskussion gibt es sicherlich Konflikte zwischen unterschiedlichen individuellen und gesellschaftlichen Zielen.

car2go: Welche rechtlichen Probleme müssen bis zur Einführung von autonomem Fahren noch überwunden werden? Sind die Fragen der Verantwortlichkeit und Haftung im Falle eines Unfalles abdeckt? Oder was ist der momentane aktuelle Stand?

Wolfgang Gruel: Viele rechtliche Fragen sind noch relativ offen. Im Falle eines Unfalls haftet im Moment der Unfallverursacher, also in der Regel eine Person. Wer haftet aber, wenn der Mensch, der im Auto sitzt, das Auto gar nicht mehr selbst steuert.

Ist es der Softwareentwickler? Oder die Person, die auf den Startknopf drückt? Oder der Mensch, der das Auto zugelassen hat?

car2go: Wer ist dafür verantwortlich? Beantwortet die Politik die Frage? Oder wie kommt man zu einer Lösung?

Wolfgang Gruel: Zunächst muss geklärt werden, inwiefern sich die existierenden Gesetze auf autonome Mobilität anwenden lassen. Hier sind sich Juristen bislang uneins.

Wenn autonome Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs wären und ein Haftungsfall eintreten würde, müssten hier also Gerichte für Klarheit sorgen. Der Gesetzgeber kann hier durch explizite Regelungen Klarheit schaffen und so auch für ein größeres Maß an Rechtssicherheit sorgen.

Meiner Meinung nach sollten hier bereits die Gedanken nach wünschenswerter Anwendung von autonomen Technologien mit einfließen.

car2go: Wie findet die Politik autonomes Fahren? Befürwortet sie das?

Wolfgang Gruel: Hier kommt es wahrscheinlich drauf an, welche Politiker man fragt. Eine große Rolle spielen dabei sicherlich Betrachtungen zum Industriestandort Deutschland, der ja sehr stark von der Automobilindustrie geprägt ist.

Für den Standort Deutschland ist es von großer Bedeutung, hier den Anschluss nicht zu verpassen – insbesondere, weil viele Entwicklungen in diesem Gebiet schon jetzt außerhalb von Deutschland stattfinden.

Eine weitere Perspektive auf das Thema eröffnet die Verkehrspolitik und die Stadtplanung: Zum einen bietet autonomes Fahren möglicherweise Lösungsansätze für die Verkehrsprobleme in urbanen Ballungsräumen – insbesondere, wenn es in Form von Carsharing und in Verbindung mit anderen Verkehrsmitteln zum Einsatz kommt.

Andererseits ergeben sich neue Herausforderungen für die Stadtplanung durch die neuen Möglichkeiten und berechtigte Bedenken, dass sich die Verkehrssituation durch neues Nutzungsverhalten verschlechtert. Ein Horrorszenario wäre hier, dass wir Autos, anstatt sie zu parken, im Kreis fahren lassen, um Parkgebühren zu sparen.

car2go: Unterscheiden sich die rechtlichen Initiativen zwischen den Staaten?

Wolfgang Gruel: Überall auf der Welt gibt es Vorstöße, die das Ziel haben, bestehende Regeln an eine zukünftige Welt mit autonomen Fahrzeugen anzupassen. Teilweise herrscht hier bereits ein Wettstreit, wer zuerst ein gutes Regelwerk aufstellt, welches autonomes Fahren ermöglicht.

Initiativen gibt es etwa in Singapur, in verschiedenen Bundesstaten in den USA – z.B. in Kalifornien, Nevada oder Texas -, aber auch in Dänemark, Frankreich oder England.

car2go: Gibt es Staaten die strikt dagegen sind?

Wolfgang Gruel: Von Staaten, die strikt gegen autonomes Fahren sind, habe ich bislang nichts gelesen.

Vielen Dank Wolfgang Gruel für das interessante Interview!

Welche Vorteile oder Nachteile bietet autonomes Fahren eurer Meinung nach im Zusammenhang mit Carsharing?