15 Jun 2016
BIG PICTURE

Autonomes Fahren Teil I – Was sind die Herausforderungen und Möglichkeiten?

Der einst futuristische Traum von selbstfahrenden Autos scheint in greifbarer Zukunft zu sein. Obwohl die Technologie schon fast dafür bereit wäre, gibt es noch einige Fragen, die noch diskutiert werden müssen. Wolfgang Gruel, Head of Autonomous Mobility Systems von car2go, gab ein Interview zu dem Thema „autonomes Fahren“, um einige Fragen zu klären.

Der erste Teil des Interviews wird einige allgemeine Einblicke zu dem Thema geben. Der zweite Teil wird von potenziellen Herausforderungen des autonomen Fahrens handeln und in dem dritten Teil werden die Chancen für Carsharing im Zusammenhang mit autonomem Fahren erläutert.

car2go: Was bedeutet „autonomes Fahren“?

Wolfgang Gruel: Der Begriff autonomes Fahren beschreibt, dass sich Fahrzeuge ohne Eingriffe eines Fahrers selbstständig und sicher im Straßenverkehr bewegen und zum Ziel kommen. Bis wir vollständig autonome Fahrzeuge auf unseren Straßen sehen, müssen noch einige Herausforderungen gemeistert werden.

car2go: Wann geht es mit autonomem Fahren los?

Wolfgang Gruel: Los gegangen ist es schon – es gibt bereits seit den 80er Jahren Entwicklungen in diesem Bereich. Allerdings gibt es erst seit kurzem die entsprechenden Technologien und ausreichende Rechenleistung, um Informationen mit ausreichender Schnelligkeit auswerten zu können.

Es ist noch viel zu tun, bis man autonome Autos flächendeckend anbieten kann. Doch wird es bestimmt Zwischenschritte auf dem Weg dorthin geben.

Ich erwarte nicht, dass wir von einem Tag auf den anderen autonome Autos überall auf unseren Straßen finden. Stattessen werden wir verschiedene Schritte in Richtung autonomes Fahrzeug sehen.

Zuerst können die Autos nur in einem sehr beschränkten Gebiet agieren, das sich dann immer weiter ausweitet. Anfänglich wird der Funktionsumfang gering sein und nur spezielle Anwendungen zulassen – das wird sich sicher im Lauf der Zeit verändern.

car2go: Wie weit sind wir mit der Entwicklung?

Wolfgang Gruel: Darüber streiten sich die Experten trefflich. In Demo-Projekten zeigen Firmen ihre Vision vom autonomen Fahren und demonstrieren die von ihnen entwickelte Technologie. Google hat beispielsweise zahlreiche Autos im Einsatz und erprobt seine Technik in Austin und Mountain View.

Die meisten Autos sind in ihrer Funktionsweise noch limitiert. Mit manchen Situationen können sie schon gut umgehen, mit anderen Umständen kommen sie noch nicht zurecht.

Beispielsweise gibt es noch Schwierigkeiten bei Regen oder bei vereisten Fahrbahnen. Aber hier haben ja auch Menschen ihre Schwierigkeiten.

Vermutlich wird es noch eine Weile dauern bis die Autos sich vollständig autonom bewegen. Bei vielen Innovationen ist es so, dass sie zunächst viel weniger können als ihre Vorgänger.

Auch beim Vergleich der ersten Versionen des Automobils mit dem Pferd schnitt das Automobil schlecht ab: Das Pferd war schneller und fand im Zweifel sogar alleine den Weg nach Hause. Im Lauf der Zeit haben sich die Vorteile aber umgedreht.

So wird es wahrscheinlich auch mit dem autonomen Auto sein. Im Moment kann es noch viel weniger als ein Auto mit menschlichem Fahrer.

Sein Funktionsumfang wird sich aber Stück für Stück erweitern. Dabei wird das heutige Auto nicht vollständig kopiert werden – das Auto war ja auch keine Kopie des Pferdes -, sondern es werden sich Vorteile in anderen Bereichen ergeben und wir werden es auch anders und für andere Zwecke einsetzen.

car2go: Wie genau funktioniert ein autonomes Auto? Wie ist der technische Aufbau?

Wolfgang Gruel: Grundsätzlich muss sich das autonome Fahrzeug ein Bild von seiner Umgebung machen und dann auf Basis dieser Informationen über die aktuelle Situation Entscheidungen treffen, also z.B. bremsen, beschleunigen oder lenken. Zur Erzeugung dieses Bildes werden unterschiedliche Sensoren eingesetzt – z.B. Kameras, Radar, Ultraschall oder LIDAR, also einem Verfahren, das Laserstrahlen zur Messung von Abstand und Geschwindigkeit von Objekten nutzt.

Aus den unterschiedlichen Signalen dieser Sensoren muss dann ein konsistentes Bild erzeugt werden. Zur Erstellung dieses Bildes werden auch bereits vorhandene Informationen, wie z.B. eine Karte, eingesetzt.

Die Informationen aus den verschiedenen Quellen können widersprüchlich sein, z.B. wenn auf der Karte eine Ampel verzeichnet ist, die Kamera aber keine Ampel erkennt.

car2go: Welche Strategien werden bei der Entwicklung verfolgt?

Wolfgang Gruel: Bei der Entwicklung autonomer Systeme unterscheidet man evolutionäre und radikale Strategien. Bei der evolutionären Entwicklung werden vorhandene Ansätze so lange perfektioniert bis Autos autonom fahren können.

Der Tempomat hat sich beispielsweise inzwischen so weit entwickelt, dass Autos den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug erkennen und ausreichend Abstand halten können. Über Spurhalte-Assistenten kann das Auto in der Spur bleiben. Weitere Assistenzsysteme können beim Überholen oder Einparken helfen.

Bei der radikalen Entwicklung versucht man, ein Fahrzeug zu entwickeln, das speziell auf das autonome Fahren zugeschnitten ist. Dabei werden viele der bestehenden Denk- und Arbeitsweisen über Bord geworfen und Entscheidungen aus der Vergangenheit hinterfragt.

car2go: Wann geht es mit autonomem Fahren los?

Wolfgang Gruel: Los gegangen ist es schon – es gibt bereits seit den 80er Jahren Entwicklungen in diesem Bereich. Allerdings gibt es erst seit kurzem die entsprechenden Technologien und ausreichende Rechenleistung, um Informationen mit ausreichender Schnelligkeit auswerten zu können.

Es ist noch viel zu tun, bis man autonome Autos flächendeckend anbieten kann. Doch wird es bestimmt Zwischenschritte auf dem Weg dorthin geben.

Ich erwarte nicht, dass wir von einem Tag auf den anderen autonome Autos überall auf unseren Straßen finden. Stattessen werden wir verschiedene Schritte in Richtung autonomes Fahrzeug sehen.

Zuerst können die Autos nur in einem sehr beschränkten Gebiet agieren, das sich dann immer weiter ausweitet. Anfänglich wird der Funktionsumfang gering sein und nur spezielle Anwendungen zulassen – das wird sich sicher im Lauf der Zeit verändern.

car2go: Wo darf man überhaupt autonom fahren, also ohne Teststrecke fahren?

Wolfgang Gruel: Sehr gute Frage. Auf abgeschlossenen Teststrecken können einige Funktionen des autonomen Fahrens ja relativ gefahrlos erprobt werden. Jedoch finden sich dort nur wenige der Herausforderungen, die sich im realen Leben stellen.

Viele Unternehmen, die an autonomen Technologien arbeiten, sind deswegen auch auf öffentlichen Straßen unterwegs. Dabei sitzt immer ein Mensch am Steuer, um die Technik zu überwachen und gegebenenfalls eingreifen zu können.

Für diese Aktivitäten gibt es Sondergenehmigungen, die je nach Land an andere Voraussetzungen geknüpft sind. Ein Fahren ganz ohne Fahrer ist bislang im öffentlichen Raum nicht erlaubt.

Vielen Dank Wolfgang Gruel für das interessante Interview!

Seid gespannt auf den zweiten Teil von dem Interview.

Was denkst du allgemein über autonomes Fahren – bist du Optimist oder Skeptiker? Warum?