26 Nov 2017
BIG PICTURE

Wie autonome Automobile vom Shared Mobility-Konzept lernen werden

Ein Auto genau dann zur Verfügung zu haben, wenn es gebraucht wird und es einfach am jeweiligen Ziel abzustellen, war ein wesentlicher erster Schritt hin zu einem neuen Verständnis von Mobilität. Der Blick der Experten richtet sich nun auf den antizipierten nächsten Schritt: autonome Automobile. Sandra Phillips, Shared Mobility-Expertin und Gründerin von movmi, erklärt was die beiden Konzepte verbindet.

Sandra, glaubst du Shared Mobility ist ein „Vorläufer“ von autonomem Fahren ist – wenn ja, warum?

Ich glaube, es gibt drei Komponenten, durch die diese beiden Konzepte sehr stark miteinander verbunden sind.

Zu allererst gewinnen wir durch Shared Mobility eine ganze Reihe von Daten. Wir können Muster erkennen, wie sich die Menschen durch die Städte bewegen, wo sie in ein Auto einsteigen und wo sie es wieder abstellen.

Diese Daten werden es den autonomen Automobilen ermöglichen zu lernen und ihre Netzwerke sowie die Routen zu ihren Einsatzorten zu optimieren.

Zusätzlich dazu hat das Shared Mobility-Konzept bereits jetzt viele der Prozesse eingeführt, die später gebraucht werden, um die Netzwerke mit autonomen Automobilen zu betreiben: Die Industrie hat eine klare Vorstellung wie das Säubern, die Instandhalten und der Umgang mit verlorenen und gefundenen Gegenständen gehandhabt wird.

Das kann man ebenfalls auf das Carsharing mit autonomen Automobilen ausweiten.

Zu guter Letzt hat Shared Mobility der Gesellschaft eine neue Art des Vertrauens vermittelt. Wir vertrauen darauf, dass die Person, die vor uns den Shared Space genutzt hat, ihn in einem guten Zustand hinterlässt. Auch Erfahrungen mit Carpooling oder Fahrgemeinschaften lehren uns anderen Mitfahrern auf einem viel engeren „geteilten Raum“ zu vertrauen.

Da es keinen Fahrer mehr geben wird, könnten diese neuen öffentlichen Shared Spaces sehr schnell gefährlich werden.

Aus diesem Grund werden vertrauensbildende Systeme, in denen man zum Beispiel seine Erfahrungen mit anderen Mitfahrern bewerten kann, erforderlich. Wir sollten uns dabei an einigen der besten Praktiken der Shared Mobility orientieren.

 

Denkst du, dass autonome Automobile „geteilt“ werden, statt sich in Privatbesitz zu befinden?

Ich glaube fest daran, dass sie zum Teilen konzipiert werden sollten. Aus zwei Gründen:

Auf der einen Seite wird es für den Normalbürger zu Beginn viel zu teuer sein ein autonomes Auto zu besitzen. Die besten auf dem Markt verfügbaren Sensoren kosten aktuell bis zu 75 Tausend pro Stück und es wird sehr lange dauern bis Sensoren derselben Qualität günstig genug für Konsumenten sein werden.

Auf der anderen Seite hat die Industrie meiner Meinung nach eine Verantwortung, sie zum Teilen zu konzeptionieren, denn andernfalls gäbe es nur mehr und mehr Verkehr und wir würden damit nichts positiv verändern. Es wäre dann nur eine coole neue Technologie ohne höheren Zweck.

Deshalb denke ich auch, dass öffentliche Einrichtungen zu einem gewissen Grad in den Betrieb autonomer Flotten involviert sein sollten. Sie können stets sicherzustellen, dass alle zugehörigen Teile einer Stadt vernetzt sind und dass öffentliche Verkehrsmittel für jeden erschwinglich und verfügbar sind.

 

Was wird dafür Sorge tragen, dass die Erfahrungen der Nutzer mit autonomen Automobilen positiv sind?

Neben der Möglichkeit andere Mitfahrer zu bewerten, wird es die Gewissheit sein eines verlässlichen Service sein. Das kann man erreichen, indem man die bedarfsorientierten Modelle erweitert, sodass auch Abos oder Vorabbuchungen miteinbezogen werden.

So weiß man immer, dass eine bestimmte Art von Auto zum Transport bereit ist, wenn man es braucht. So werden autonome Autos zur idealen Lösung vom ersten bis zum letzten Kilometer.

 

Öffentliche Verkehrsmittel und autonome Automobile – wie wird das funktionieren?  

Öffentliche Verkehrsmittel haben ihren Platz und autonome Automobile werden ihn in der Zukunft ergänzen. Anders als der öffentliche Personennahverkehr, der nach geregelten Fahrplänen läuft, werden autonome Autos bei Bedarf verfügbar sein.

Außerdem wird die AV VSE- Automobile in allen möglichen Formen und Größen geben, was bedeutet, dass ich unser Verständnis von „Autos“ und „Bussen“ vielleicht verändern wird.

Ich denke man wird sich das Auto aussuchen können, mit dem die jeweiligen Bedürfnisse am besten erfüllt werden: Sei es ein „Van“, der alle Kinder in der Nachbarschaft zur Schule bringt, ein kleines Auto, in dem man zusammen mit einem Kollegen zur Arbeit fährt, oder auch Busse und Züge, die sich ohne Fahrer fortbewegen.

 

Gibt es Bedenken, die man beim Vorbereiten der Mobilität für geteilte autonome Netzwerke im Hinterkopf behält?

Es zwei große Problematiken beim Aufziehen solcher Netzwerke, die man bedenken sollte:

Ohne einen Fahrer riskieren wir, dass sich die Menschen noch weiter entfremden. Man muss nicht mehr nach der richtigen Haltestelle fragen oder den Nachbarn um eine Mitfahrgelegenheit bitten. Die Menschen könnten einfach entscheiden noch weniger miteinander zu reden.

Das bereitet Sorgen, da man beobachtet hat, dass Krankheiten wie Depressionen, in entfremdeten Gesellschaften zunehmen. Wir müssen daher sicher gehen, dass wir bei der Entwicklung dieser neuartigen Systeme Technologie auch zur Förderung sozialer Beziehungen nutzen, um eben dies zu verhindern.

Zudem muss die Industrie einen Weg finden, die Menschen dazu zu bringen diese öffentlichen Shared Spaces mit Respekt zu behandeln, sodass sich die nächste Person, die sie nutzt, nicht unwohl fühlt. Shared Mobility-Dienstleister kämpfen ebenfalls mit dieser Problematik, für die noch keine Lösung gefunden wurde. Für zum Teilen konzipierte AV Netzwerke müssen wir uns jedoch noch mehr damit auseinandersetzen.

 

Vielen Dank Sarah!

 

Was denkst du? – Wie könnte man Menschen dazu motivieren, zum Teilen verfügbare Autos so zu behandeln, dass sie für alle nachfolgenden Nutzer in einem guten Zustand bleiben?