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car2run lässt Ulmer rasen – ist das so?

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“Zeit ist Geld oder: car2run“ titelte die Ulmer Südwest-Presse am Montag (20.04.2009) auf der ersten Seite des Lokalteils und regte damit eine interessante Diskussion an. Im Artikel wurden schon Formel1 Verhältnisse auf Ulms Straßen prognostiziert. These: die 19 cent pro Minute, welche die Nutzung von car2go kostet, ergeben zusammen mit dem schwäbischen Hang zur Sparsamkeit eine verhängnisvolle Mischung. Familienstreits, Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, Gesundheitsschäden durch Stress und in der Hektik in der Autotür eingeklemmte Finger – alles durch die Preisstruktur von car2go verursacht?
car2go - rasend?

Eine Diskussion ob die Beschränkung des Preises auf die minutengenaue Abrechnung zum Hetzen und Rasen verführt, gab es zu Beginn der internen Pilotphase bereits einmal im Heise online Forum und wahrscheinlich wird es dies auch weiterhin geben. Auf den ersten Blick erscheinen die Argumente stimmig. Ist es nicht so, dass gerade in Zeiten knapper Kassen alle auf den Eurocent schauen? Die tickende Uhr im Nacken sieht man geradezu, wie das Geld durch die Finger rinnt. Die fehlende Fahrtzeitanzeige im car2go ist immerhin einer der meistgeäußerten Verbesserungsvorschläge. Was liegt folglich näher für den car2go Nutzer als zu sparen, wo es nur geht? Bezogen auf eine zeitabhängige Nutzung des Autos heißt das übersetzt: so schnell fahren wie möglich und nicht länger stehen bleiben als nötig. Das als Mobilitätskonzept beworbene car2go gewissermaßen als Mobilitätsverhinderer oder zusätzlichem Beschleuniger. Analogie ist hier ebenso wie beim Minutenpreis das Telefonieren mit dem Handy. Hat die zeitabhängige Telefoniererei nicht auch unser Telefonverhalten verändert? Sicherlich – die Frage ist nur in welche Richtung diese Veränderung geht? „Fasse Dich kurz“ ist kein neuer Spruch sondern ein Slogan aus den Frühzeiten des Telefonierens. Die günstige Preisstruktur hat den Drang zum Telefonieren rasch wachsen lassen – die meisten Menschen machen sich beim Telefonieren nicht gerade viel Gedanken darüber ob dieses oder jenes Telefonat aufgrund der übermittelten Informationen wirklich zwingend notwendig ist. Die meisten greifen heute zum Telefon, um sich kurz mitzuteilen und oft eher unwichtige Informationen auszutauschen. Die wenigsten schauen wohl beim Mobiltelefonat immer mit einem Auge auf die mitlaufende Anzeige der Gesprächszeit. Fraglich warum dies bei car2go anders sein sollte und die Menschen ausgerechnet hier zum Rasen veranlasst.
car2go - mobil aber vorschriftsmäßig
Schließlich ist car2go ein Konzept, das für die urbane – also innerstädtische – Mobilität konzipiert ist und innerhalb der Stadt trägt schnelles Fahren bekanntlich überhaupt nicht dazu bei, schneller ans Ziel zu kommen. Zweitens gibt es – im Gegensatz zum Telefonieren – eine Verkehrsordnung, an die sich alle halten müssen und gerade die hohen Strafen für missachtete rote Ampeln lassen car2go Nutzer bestimmt zweimal darüber nachdenken ob sie nicht lieber 19ct in die nächste Rotphase investieren als 90 Euro (plus Bearbeitungsgebühr) für ein Ticket (die sind nämlich nicht im Minutenpreis enthalten). Ein andauerndes nervöses Schauen auf einen car2go-Taxameter würde möglicherweise auch stark vom Verkehrsgeschehen ablenken und entsprechend gefährlich sein. Wenn alle Autofahrer wirklich so stark auf die Kosten achten, sollte dann spritsparendes Fahren nicht schon längst Alltag sein?
Was sagen die Fakten? In den ersten Wochen bzw. Monaten des Pilotprojektes gab es keine auffällige Zahl von Knöllchen für zu schnelles Fahren oder missachtete rote Ampeln. Viel gravierender waren dagegen Verstöße, die mit dem unberechtigten Abstellen der Fahrzeuge im Zusammenhang standen. Hier sollte also lieber noch einmal etwas Zeit in die richtige Parkplatzsuche investiert werden. Fraglich auch ob die Argumente verstummen würden, wenn wir statt des Minuten- einen Kilometertarif hätten. Vielleicht würden sich dann Heerscharen von car2go Nutzern einen Weg durch die Fußgängerzone Ulms bahnen, Einbahnstraßen verkehrt herum fahren und Abkürzungen durch Vorgärten und Felder nehmen, um an die ideale Luftlinie heranzukommen, egal wie lange die Fahrt dann dauert. Eine Kombination aus Zeit und Kilometern wiederum bringt eine komplizierte Preisstruktur und macht den Taschenrechner im Handschuhfach notwendig.
Also vielleicht alles halb so schlimm? Ein Pilotprojekt zeichnet sich dadurch aus, dass wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die wiederum Platz für Anpassungen oder Veränderungen lassen können. In diesem konkreten Fall heißt das: sollte sich wirklich zeigen, dass die Preisstruktur von car2go zum massenhaften Verstoß gegen die StVO führt, muss sicherlich über die reine Bindung an den Minutenpreis diskutiert werden. Selbstverständlicher ist jedoch zunächst auf die Vernunft der Kunden und den gesunden Menschenverstand zu setzen, der nicht nur durch das Bedürfnis nach Einsparungen sondern auch durch den Wunsch geprägt ist, sich im Interesse aller an allgemeingültige Regeln zu halten, zumal ein Verstoß gegen diese Regeln mit teils empfindlichen Strafen geahndet wird. car2go kann auf diese Weise gerade durch den Minutenpreis auch zum bewussten Umgang mit dem Automobil anregen und weist eventuell sogar einen pädagogischen Aspekt auf.
Zwei weitere ergänzende Informationen für die Leser der Südwest-Presse:
• Bei einer Reifenpanne muss der car2go Kunde nicht selbst Hand anlegen – ein Druck auf die Service-Taste und schon sind Sie mit dem Service-Center verbunden und Ihnen wird geholfen.
• Ganz wichtig: car2go eignet sich nicht für die Beförderung ganzer Familien! Es ist deutlich untersagt die arme Marie-Luise im Gepäckraum zu transportieren (oder was war mit “Sperrsitz” gemeint?) – hier sollte der sparsame Ulmer Familienvater doch lieber ein Taxi nehmen…

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Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 23. April 2009 um 17:26 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie car2go abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Sie haben die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen oder einen Trackback von Ihrem Weblog zu senden.

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10 Kommentare (Kommentar schreiben?)

  1. 1. Fabian

    Kommentar vom 24. April 2009 um 16:38

    Irgendwann musste ja einer, mangels anderer Berichtmöglichkeiten auf die Idee kommen, einen solchen Kritikartikel zu schreiben. Eigentlich Schade.

    Die Car2go fahren auch nicht schneller als alle andern – wie auch bei dem Verkehr ? Und wenn ein Familienvater auf die Idee kommt, zwei Kinder reinzuquetschen, dann hätte er sich diese ohne car2go wahrscheinlich auf den Roller oder übers Fahrrad gebunden…

    Bin mehr als zufrieden mit der Lösung

  2. 2. markus jordan

    Kommentar vom 25. April 2009 um 08:26

    Wer kommt den ernsthaft auf die Idee, Kinder im Smart-Gepaeckraum zu transporieren? Ich bin Geschockt!

  3. 3. norman

    Kommentar vom 26. April 2009 um 19:31

    Kleiner Tipp: Wenn man den Führerschein an das Lesegerät hält ist der Wagen ja gesperrt, abgerechnet wird aber erst wenn die PIN eingegeben wird. Wer also einen Zwischenstopp macht und den Wagen sicher wieder haben will sollte einfach die Miete beenden und dann gleich wieder öffnen ohne die PIN einzugeben und daraufhin dann mit dem Schlüssel wieder verschliessen.

    Den Zeittarif finde ich gut, so nimmt man sich bei weiten Strecken ein car2go, die Spritkosten überschreiten da oft sogar die 49€.

  4. 4. norman

    Kommentar vom 26. April 2009 um 19:33

    Kleiner Tipp: Wenn man den Führerschein an das Lesegerät hält ist der Wagen ja gesperrt, abgerechnet wird aber erst wenn die PIN eingegeben wird. Wer also einen Zwischenstopp macht und den Wagen sicher wieder haben will sollte einfach die Miete beenden und dann gleich wieder öffnen ohne die PIN einzugeben und daraufhin dann mit dem Schlüssel wieder verschliessen.

    Den Zeittarif finde ich gut, so nimmt man sich bei weiten Strecken ein car2go, die Spritkosten überschreiten da oft sogar die 49€

  5. 5. Helmuth Ritzer

    Kommentar vom 26. April 2009 um 20:45

    @norman: Wie kommst du auf die Idee? Die Miete beginnt mit öffnen des car2go durch das Siegel am Führerschein. Die PIN Eingabe ist hierfür nicht ausschlaggebend. Dein Bespiel beschreibt auch exakt wieso das so sein muss: da in diesem Fall niemand sonst den Wagen nutzen kann läuft die Uhr auch für den Fahrer der den Wagen geöffnet hat.

  6. 6. norman

    Kommentar vom 29. April 2009 um 00:37

    Hatte mal was vergessen und musste nochmal öffnen, da wurde aber nichts mehr berechnet.

  7. 7. Helmuth Ritzer

    Kommentar vom 29. April 2009 um 21:36

    @norman: Das lag daran, dass du weniger als 1 Minute den Wagen gemietet hattest. Dies wird bewusst nicht berechnet. Grund dafür, u.a. den von Dir geschilderten Fall.

  8. 8. Axel Blumenstock

    Kommentar vom 01. Mai 2009 um 21:37

    Natürlich wird ein homo oeconomicus (wenn es ihn gibt) in jedem Tarifsystem andere Anreize finden, und manche davon mögen für den Betreiber und/oder die Allgemeinheit auch nachteilig sein. Ideal wäre demnach eine Welt, in der sich alle Folgen des Handelns (spritsparendes Fahren oder nicht, rücksichtsvolles Fahren oder nicht) in einem Preis niederschlagen. Und so könnte man sich beispielsweise überlegen, nicht die Zeit oder die Strecke, sondern den Kraftstoffverbrauch der Preisberechnung zu Grunde zu legen — schließlich sind das Kosten, die dem Betreiber und der Allgemeinheit entstehen.

    Solchen Überlegungen stehen freilich zwei recht harte Randbedingungen entgegen: Um eine Zeitkomponente kommt man nicht herum, denn wenn es nichts kosten würde, ein Auto angemietet, aber ungenutzt vor der Tür stehen zu lassen, wäre der “Sharing”-Gedanke schnell verletzt. Und zweitens: Einfach muss es sein. Wer vor der Wahl steht, nehme ich ein car2go oder nicht, muss abschätzen können, was es kostet.

    Das heißt nicht, dass es keine Spielräume gäbe. Ja, “Spiel” (homo ludens lässt grüßen): warum nicht am Ende jeder Fahrt eine Highscore-Tabelle der besten Spritsparer anzeigen mitsamt dem eigenen Rang? Und unter den besten eines Monats wird irgend etwas verlost… N.B., als Spritsparer kann man sich das Rasen nicht erlauben. :-)

  9. 9. Thomas B

    Kommentar vom 04. Mai 2009 um 09:54

    So ganz abwegig ist der Artikel nicht. Vorweg…ich hab mich auch mal angemeldet…nach dem Motto warum nicht mal ein kleines Auto fahren und den großen stehen lassen….und für Notfälle.
    Was mir aber in den letzten Wochen aufgefallen ist:
    Klar in der Stadt , selbst zügig unterwegs, wird man gerne mal links von einem Jungspunt in Golf oder BMW oder ähnlichen Klischee-Kisten mit 80 überholt. Man denkt sich seinen Teil.
    Doch mehr und mehr sind es diese kleinen Car2GO-Flitzer die, durch alle Generationen durch, wie besenkte Säue mit Vollgas zur nächsten roten Ampel rasen in der Hoffnung diese verändere allein dadurch die Farbe.

  10. 10. Andreas Leo

    Kommentar vom 05. Mai 2009 um 22:03

    @Thomas B: Ich bin ja nun wirklich oft in Ulm unterwegs und kann ehrlich gesagt nicht feststellen, dass car2go schneller unterwegs sind als andere Fahrzeuge. Wie im Artikel schon beschrieben: in der Stadt bringt ein Bleifuß ohnehin keinen Zeitgewinn. Neue Straße war heute zum Beispiel wieder so dicht, dass Schrittgeschwindigkeit angesagt war.

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